punctum

Abhandlungen aus Kunst & Kultur

San-Carlo punctum
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Annähernd 40 Jahre lang war Alberto Giacometti Mieter eines mit ca. 18 qm sehr beengten Ateliers von ausgesprochen desolater Bausubstanz in der Rue Hippolyte-Maindron in Paris. Daß der Bildhauer und Maler seinem dunklen, staubigen und schlecht beheizten Studio bis zu seinem Tod die Treue hielt, faszinierte schon Zeitgenossen und trug – durch Fotografen und Schriftsteller ausführlich dokumentiert – zur Legendenbildung um den Künstler bei.
Kein Medium konnte jedoch die enge Bindung Giacomettis an sein Laboratorium auf so markante Weise dokumentieren wie seine eigene Kunst. Zahlreiche Gemälde, Zeichnungen und Graphiken waren der Darstellung des Ateliers mit den darin befindlichen Kunstwerken gewidmet. Nicht zuletzt wurde das gesamte Studio in den Werkkomplex miteinbezogen, indem Giacometti auch seine Mauern mit Zeichnungen und Ölbildern versah. Posthum wurde nicht das Atelier, sondern seine Wände der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, indem einzelne Segmente der Mauern aufwendig herausgelöst und in Ausstellungen wie Gemälde präsentiert wurden.
Die vorliegende Arbeit versteht sich als Versuch, die vielschichtigen Wechselbezüge zwischen Giacomettis Studio und der Kunst, die in ihm entstand, zu analysieren. In einer chronologischen Untersuchung werden zum einen die gesamten künstlerischen und handwerklichen Prozesse und ihre Auswirkung auf den kleinen Raum in der Rue Hippolyte-Maindron nachvollzogen. Gleichzeitig greift die Autorin Aspekte auf, die – im Gegensatz dazu – den Einfluß des Ateliers auf Giacomettis Wirken beleuchten. Dieser strukturalistische Ansatz eines raumimmanenten Interpretierens wurde durch die Giacometti-Rezeption Michel Leiris’ angeregt. Besonderes Augenmerk wird auf die studiorelevanten Themen, vor allem auf die Interieurs bzw. Atelierdarstellung in Malerei und Graphik gelegt. Die bereits mehrmals gezeigten Mauersegmente des Ateliers werden zum ersten Mal eingehend untersucht und zum Gesamtwerk Giacomettis in Bezug gesetzt.

punctum 1: Julia Stoeßel
ALBERTO GIACOMETTIS ATELIER

Die Karriere eines Raumes
168 S., 59 Abb.
EUR 15,- ISBN 978-3-89235-101-6

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Dieses Buch stellt sich die Aufgabe, die Bedeutung der Kunst im weit ausgreifenden und horizontalen Denken Martin Heideggers zu kennzeichnen. Im Lichte der 1989 aus dem Nachlaß veröffentlichten „Beiträge zur Philosophie“ soll der Kunstwerkaufsatz aus den dreißiger Jahren neu interpretiert und Rückschlüsse auf die Vorträge über den „Ursprung des Kunstwerks“ ermöglicht werden. Nicht die Autonomie der Kunst ist für Heidegger leitend, sondern die Kontaminierung der Bereiche der Wissenschaft (als Technik), der Philosophie (als Metaphysik) und der Kunst (als Ästhetik). Dabei ist er sich immer bewußt, daß das Denken das Kunstwerk nie vollständig denkerisch einholen kann. Die Ablehnung einer Kunsttheorie, die auf die theoretische Erklärung einzelner Werke ausgeht, hat wiederum Rückwirkungen auf das, was philosophische Reflexion zu leisten vermag – nämlich das gemeinsam Unbewußte und Verstellte aller bisherigen Fragen nach Kunst, Wissenschaft und Philosophie in eine bewußte Fraglichkeit zu rücken. Dies ist nach Heidegger nur durch die Frage nach dem geschichtlichen Sinn oder der Wahrheit des Seins möglich. Solchermaßen steht diese Frage mit derjenigen nach dem „Ursprung des Kunstwerks“ in enger Verbindung. Nicht das einzelne Kunstwerk, sondern das geschichtliche Sein von Kunst, die Kunst in ihrer Wirklichkeit und Möglichkeit innerhalb der menschlichen Bewandtnisganzheit steht also für Heidegger in Frage. Diese Frage befindet sich schon im Bereich der Wahrheit, deren Eigenart es nach Heidegger ist, eine solche Ganzheitlichkeit hervorgehen zu lassen. Die fragende Annäherung an den Ursprung des Kunstwerks macht sowohl auf unseren Umgang mit Kunst, sowie mit anderen Inhalten unserer geschichtlichen Lebenswirklichkeit und schließlich auch auf die Verfaßtheit unseres eigenen Daseins aufmerksam. Die Frage nach der Kunst ist eine perspektivische Möglichkeit, den Sinn von Sein im Ganzen fragwürdig zu machen – denn um diese Frage und ihren Wahrheitsbezug geht es Heidegger. In der Besonderheit der Kunst, diese Frage zu ermöglichen, liegt ihre seinsgeschichtliche Bedeutung.

punctum 2: Tilman Müller
WAHRHEITSGESCHEHEN UND KUNST

Zur seinsgeschichtlichen Bestimmung der Kunstwerke bei Martin Heidegger
184 S.
EUR 20,- ISBN 978-3-89235-102-3

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Jacopo Tintoretto (1518 – 1594), einer der großen Repräsentanten der venezianischen Malerei zwischen Tizian und Tiepolo ist für seine monumentalen biblischen Zyklen, seine gewaltigen und visionären Interpretationen christlicher Bildersprache bekannt. Wenigen dürfte bewußt sein, daß der junge Maler durchaus Weltliches schuf, dem Theater nahestand, musizierte, witzig und frivol, tiefsinnig und doppeldeutig, leichtlebig und zeitkritisch sein konnte. Diese von der Historiographie vernachlässigten Züge am Beispiel eines einzigen Schlüsselwerkes in der Münchner Pinakothek, Vulkan überrascht den Ehebruch von Venus und Mars, mit den Mitteln literarischer, ikonologischer und informatischer Investigation nachzuzeichnen, stellte sich der Autor zur Aufgabe. Er griff – eher als Außenseiter der Kunsthistorie, doch seit drei Dezennien mit der Figur des Venezianers beschäftigt – auf den längst vergessenen Usus der Renaissance-Traktate zurück, das Umfeld von Kultur, Geschichte und Kunst des Gemäldes in Dialogform zu umreißen. Dem Neugierigen liefert er zusätzlich einen Apparat von Glossen und Exkursen, sich auch ernsthafter in die Materie zu vertiefen. Der mythische Vulkan einer trivialen Götterfarce wird so zum Sinnbild venezianischen Schöpfertums, schließlich
Selbstportrait des Künstlers. Der antiquarisch-literarischen Behandlungsform steht in gewolltem Kontrast die moderne Interpretationshilfe des CAD-Computers gegenüber: durch Schleier der Probabilismen, Widersprüche und Anachronismen blickt uns verlebendigt ein
Maler des kontroversen Cinquecento an, der seit genau 400 Jahren verblichen ist; Jacomo Robusti, „das Färberlein“, Genie und Handwerker, Macher und Poet.

punctum 3: Erasmus Weddigen
DES VULKAN PARALLELES WESEN

Dialog über einen Ehebruch mit einem Glossar zu Tintorettos Vulkan überrascht Venus und Mars
286 S., 61 Abb.
EUR 25,- ISBN 978-3-89235-103-0

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Die Stadt Ravenna ist für ihren Reichtum an Kunstschätzen bekannt, jedoch denkt man dabei nicht als erstes an Trecentomalerei. Der Aufenthalt Dantes in dieser Stadt zu Beginn des 14. Jahrhunderts fällt mit einer Zeit künstlerischer Blüte zusammen. Ein halbes Dutzend Kirchen wurde mit Fresken ausgestattet, u.a. auch Santa Chiara. Da diese Kirche nach ihrer Profanierung heute als Theater benutzt wird, wurden die Fresken abgenommen – die Gewölbemalereien 1956, die Wandgemälde 1970 –, magazinisiert und restauriert. Schließlich sollen in naher Zukunft die Fresken in der Kirche San Nicolò ihre neue Aufstellung finden. In diesem Buch wird erstmals die Kirche Santa Chiara mit ihren Fresken, die der Rimineser Malschule zugeordnet werden, monographisch untersucht. Die Künstler dieser Malschule waren bereits in den letzten Jahrzehnten des Duecento in gut organisierten Werkstätten aktiv. Diese perfekte Organisation ermöglichte den ausgedehnten Aktionsradius Rimineser Meister, deren Werke in der Romagna und den angrenzenden Regionen anzutreffen sind. Die weite Verbreitung ihrer Werke und die Vergabe von Aufträgen in der Nachbarschaft Giottos wie in Padua dokumentieren die Hochschätzung dieser Schule. Die extreme Einheitlichkeit des Malstils, vor allem der frühen Meister, läßt sich möglicherweise durch deren dokumentarisch belegte verwandtschaftliche Beziehungen erklären. Darin liegt allerdings ein Kernproblem der Forschung begründet, die ein verwirrendes Bild an Zuschreibungen und Datierungen aufweist. Die Resultate der detaillierten Untersuchung der Fresken werden mit vergleichbaren Werken der Rimineser Malschule in Verbindung gebracht. Da in der jüngsten Forschung Einigkeit darüber herrscht, in Pietro da Rimini den Urheber der Ausmalung in Santa Chiara zu erkennen, wird in vorliegender Arbeit eine chronologische und künstlerische Entwicklung Pietros erarbeitet.

punctum 4: Gudrun Dauner
DIE FRESKEN AUS SANTA CHIARA IN RAVENNA

Ein trecenteskes Hauptwerk der Rimineser Malschule
120 S., 40 Abb.
EUR 15,- ISBN 978-3-89235-104-7

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Lee Krasner und Jackson Pollock bildeten eine private und künstlerische Lebensgemeinschaft, seit sie anläßlich einer Gemeinschaftsausstellung in einer New Yorker Galerie im Jahr 1942 zusammengetroffen waren. Während Pollock jedoch in Folge zu einer der großen Künstlerlegenden dieses Jahrhunderts stilisiert wurde, konnte Krasner zu Lebzeiten nicht aus dem Schatten ihres späteren Ehemannes heraustreten. In der New Yorker Szene galt ihr Werk seinerzeit als ambitioniert, aber formal und stilistisch von Pollock abhängig, eine Beurteilung, die auch von der Kunstkritik über lange Jahre aufrechterhalten wurde. Nach Pollocks Tod verhinderte ihr Status als Künstlerwitwe und Nachlaßverwalterin weiterhin eine adäquate Betrachtung ihres eigenen Schaffens als Künstlerin. Erst in den letzten Jahren erfolgte eine vorsichtige Rehabilitierung ihres Werkes, das sicher noch keine abschließende Beurteilung gefunden hat. Es wurde bisher kaum beachtet, daß Pollocks Werk über eine lange Strecke eng mit Krasners Person verwoben ist. Ihre künstlerischen Einflüsse haben zweifellos dazu beigetragen, daß Pollock seine Energien bündeln und zu einem der profiliertesten Protagonisten der New York School aufsteigen konnte. Dieses Buch untersucht die Berührungspunkte und Überschneidungen in Krasners und Pollocks künstlerischer Vita vor und während ihrer gemeinsamen Atelierjahre. Durch chronologische Analyse der wechselseitigen Bezüge in ihrem Schaffen werden die Abhängigkeiten, aber auch die prinzipiellen Eigenständigkeiten beider dargestellt. Im Vergleich paralleler Werke aus allen Schaffensphasen kristallisieren sich die unterschiedlichen künstlerischen Zielsetzungen heraus, deren diametraler Gegensatz eine programmatische Atelierarbeit sicher nicht zuließ, aber innerhalb der Ateliergemeinschaft zur beiderseitigen Bereicherung und Selbstfindung beitrug.

punctum 5: Ralf Leisner
LEE KRASNER – JACKSON POLLOCK

Eine Ateliergemeinschaft 1942-1956
115 S., 28 Abb.
EUR 15,- ISBN 978-3-89235-105-4

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John Keats, der jüngste der großen englischen Dichter der Romantik, wurde 1795 in London geboren und starb 1821 in Rom an Tuberkulose. Während die Erinnerung an andere Dichter dieser Zeit untrennbar mit den spektakulären oder skandalumwitterten Ereignissen ihrer Biographie verbunden ist, steht bei Keats das kurze und traurige Leben ganz im Schatten seiner Dichtung. Sein Ruhm in den höchsten Rängen der Weltliteratur beruht auf einem in wenigen Jahren entstandenen, schmalen, aber sehr vielseitigen Werk, dessen sprachlich vollendete Gestaltung über allen historischen Wandel der Dichtungsformen hinweg neue Generationen von Lesern begeistert und von ihnen für jede Zeit neu zu entdecken ist.
Innerhalb der romantischen Dichtung nimmt Keats eine besondere Position ein. Aufgrund seiner spärlichen Bildungsmöglichkeiten lernte er die Inhalte damaliger Weltanschauung vorwiegend durch Dichtung kennen und konzentrierte sich von früh an auf den ’äußeren Schmuck‘ der Sprache. Die theoretische Unterweisung seiner medizinisch-naturwissenschaftlichen Ausbildung führte ihn zu einer Vorstellung von dichterischer Sprache als Transformationskraft, die in ihrer Wirkungsweise den ’ätherischen‘ Kräften der zeitgenössischen Chemie gleicht. Der romantische Schwerpunkt auf der Schöpferkraft des Individuums, die sich in den authentisch im Werk ausgedrückten Gedanken und Gefühlen des Dichters manifestiert, verschiebt sich bei Keats daher auf die ’Destillationskraft‘ poetischer Sprache. Besonders Shakespeare wird für ihn durch die gänzlich hinter seinen Werken verborgene Person, die keine Rückschlüsse auf individuelle Meinungen und Überzeugungen erlaubt, zur Leitfigur der eigenen dichterischen Entwicklung. In dem Jahr, als seine größten Gedichte entstehen, sagt Keats über sich, er habe keine persönliche Identität, sondern lebe in tausend Welten zugleich. Diese poetisch-imaginativen Wortwelten lassen alle festumrissenen Konturen des Ich schwinden und nähern seine Person immer stärker der Literatur an. Am Ende seines kurzen Lebens gerät diese Haltung in Konflikt mit seiner Liebe, die statt der chamäleonhaften Wandelbarkeit des Liebhabers schöner Ausdrücke einen erkennbaren Menschen fordert. Von der Bedrohung durch Nicht-Lesen sind längst auch Dichtungen betroffen, deren Bedeutung gar nicht angezweifelt wird. Nicht die professionellen Spezialisten, aber ein breiter interessiertes Publikum kommt zunehmend abhanden und verweist die Beschäftigung mit Dichtung immer stärker in den engbegrenzten Rahmen von Forschung und Lehre. Zum zweihundertsten Geburtstag von Keats soll dieses Buch allgemeinere Wege zum Genuß eines großen dichterischen Werkes eröffnen.

punctum 6: Christiane Wyrwa
JOHN KEATS (1795-1821)

Annäherungen an Leben und Werk
204 S., 1 Abb.
EUR 15,- ISBN 978-3-89235-106-1

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Der Entwurf eines Wolkenkratzers für Chicago mit der Höhe von einer ganzen Meile erregte 1956 die Gemüter der amerikanischen Öffentlichkeit. Das Empire State Building, damals höchstes Gebäude der Welt, wäre um das Fünffache überragt worden, und die Organisation des internen Verkehrs durch ein atombetriebenes Aufzugssystem für 130.000 Personen sprengte alle Grenzen der Vorstellung. Was am meisten verwunderte, war die Tatsache, daß diese Planung auf dem Zeichentisch eines Architekten entstanden war, der im Ruf stand, ein Gegner von Wolkenkratzern zu sein: Frank Lloyd Wright (1867-1959), der Meister langgestreckter Präriehäuser und Prophet der Dezentralisation.
Der Entwurf der Mile-High Sky-City Illinois löste jedoch unter den Fachleuten allein eine Debatte um die technische Machbarkeit aus und verdrängte für Wright das Ziel seines Entwurfs – eine ästhetische Kritik an der zeitgenössischen Bauweise der Wolkenkratzer. Erst nach dem Abklingen der öffentlichen Aufregung fand Wright zum Entwurf einer neuen, nach oben logisch abgeschlossenen Form für Wolkenkratzer und zu Vorschlägen zur Neugestaltung der gegenwärtigen Städte zurück. Die vorliegende Arbeit bildet die erste kunsthistorische Aufarbeitung der weitgehend unveröffentlichten Zeichnungen und Entwürfe. Der meilenhohe Wolkenkratzer wird in den Kontext der anderen, vorwiegend unausgeführten Hochhausprojekte des Meisters gestellt, so daß sich eine differenzierte Sicht auf Wrights Abneigung gegen Wolkenkratzer ergibt. Die utopischen Städtebauprojekte aus der Frühzeit seines Schaffens lassen eine Beziehung zu den Hochhausentwürfen erkennen, wenn Wright das Projekt von Broadacre City mit seiner riesigen Fläche für Einfamilienhäuser im Grünen in Beziehung zum Plan für die Mile-High Sky-City setzt. In den USA wurden im ersten Drittel dieses Jahrhunderts solche Projekte einer radikal erneuerten Stadtarchitektur sowohl als realistische Zukunftsperspektive wie auch als utopische Kritik an der bisherigen Bauweise der Städte diskutiert. Das meilenhohe Turmhaus läßt sich in das Genre der visionären Architekturvorstellung einordnen, die Gegenentwurf zur Miesschen Schachtel sein will und in ihrem Zusammenhang mit dem städtebaulichen Konzept von Broadacre City zugleich den Beginn der zeichnerischen Negativ-Utopien in den 60er Jahren einleitet.

punctum 7: Brigitte Raschke
FRANK LLOYD WRIGHT: THE MILE-HIGH ILLINOIS.

Utopie oder Architekturkritik?
104 S., 30 Abb., 1 Faltblatt
EUR 20,- ISBN 978-3-89235-107-8

p8

Mit dem Sieg der Sozialistischen Partei Frankreichs bei den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im Jahr 1981 wurde unter dem neuen Staatspräsidenten François Mitterrand der Weg für ein umfassendes Erneuerungsprogramm des französischen Kultursektors geebnet. Begleitet wurden diese Erneuerungsbestrebungen von einem ganz Frankreich umspannenden Bauprogramm riesigen Ausmaßes: nahezu jede größere Stadt bekam ein neues oder renoviertes Kulturgebäude. Schwerpunkt und symbolischer Ort dieser Grands Projets war jedoch die Hauptstadt des Landes. Paris ist heute mit einer Reihe von markanten Anlagen überzogen, die als Aushängeschild dieser Bestrebungen zu sehen sind und zugleich ein Modell für einen Stadtumbau am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts bilden, in dessen Mittelpunkt die ökonomische Tertiärisierung und ein zunehmendes Kulturbedürfnis steht. Zwei Objekte stehen in dieser Untersuchung beispielhaft für die Pariser Bauvorhaben: die Grande Arche de La Défense und die Louvrepyramide. Das eine am östlichen Ende der Kapitale gelegen und in der Mitte der Stadt das andere. Zwischen ihnen liegt die historische Achse von Paris. Im Kontext des politischen Anspruchs, der an beide gestellt wurde, sind schon die Standorte von hoher symbolischer Bedeutung: Mitten im größten Wirtschaftsverwaltungszentrum Europas, in La Défense, wollte der französische Staat mit der zukunftsträchtigen Telekommunikation manifestieren. Mit der Pyramide erhielt der Louvre als weltgrößtes Museum ein einprägsames Wahrzeichen. Gemeinsam fassen die Bauten Anfangs- und Endpunkt der historischen Achse ein, die zu einer wesentlichen Gestaltungsidee für beide wurde.
Prospektive Orientierung Frankreichs und seine Rückversicherung innerhalb der Geschichte sind die beiden Aspekte, die bei der Frage nach der Bedeutung der Objekte zu berücksichtigen sind. Ihre architektonische Erscheinung trägt diesem Rechnung. Der geöffnete Kubus von La Défense, metaphorisch als Fenster zur Welt beschrieben, und die Pyramide stellen zwei Bauformen dar, die in der Architekturgeschichte hochgradig besetzt sind. Bei seiner konzipierten gesellschaftlichen Veränderung läßt der französische Staat Formen verwenden, die neben traditionellen Konnotationen auf einen wichtigen Punkt der Nationalgeschichte, die Französische Revolution, verweisen. Ihr zweihundertstes Jubiläum wurde 1989 gefeiert, die Bauten im gleichen Jahr eingeweiht.

punctum 8: Yngve Jan Holland
GRANDE ARCHE UND LOUVRE-PYRAMIDE

Zwei Pariser Staatsprojekte unter François Mitterrand.
112 S., 60 Abb.
EUR 15,- ISBN 978-3-89235-108-5

p9

Der Blick auf Kunstwerke von Frauen ist auch heute noch geprägt von tradierten Frauenbildern. Die verbissene Suche nach dem „typisch Weiblichen“ weist den Künstlerinnen ihren festen Ort zu, der Begriff „weibliche Ästhetik“ dient als Kategorie. Frauenkunst wird als Kunst von Frauen, nicht als Kunst an sich betrachtet. Ihr wird eine „weibliche“ Aussage unterstellt, wobei die Interpretation in alten und neuen Zuschreibungen an „Weiblichkeit“ verhaftet ist.
In dieser Schrift wird der Begriff der „authentischen Weiblichkeit“ hinterfragt. Ausgehend von Sigmund Freud und Simone de Beauvoir, die eine strukturelle bzw. historische Analyse von Weiblichkeit vornehmen, wird die Debatte um „sex“ und „gender“ aufgezeigt bis hin zur amerikanischen Philosophin Judith Butler, die schließlich eine Kritik an der „sex“ und „gender“-Differenzierung formuliert. Auf der Folie des problematisierten Weiblichkeitsbegriffs stellt sich dann auch die Debatte um eine „weibliche Ästhetik“ unter anderen Vorzeichen dar. Die Auseinandersetzung mit der Problematik um eine „weibliche Ästhetik“ wird jedoch nicht nur auf theoretischer Ebene erörtert. Am Beispiel von drei zeitgenössischen Künstlerinnen führt die Autorin exemplarisch vor, wie sich der Prozeß der Festschreibung auf eine spezifisch „weibliche Ästhetik“ vollziehen kann bzw. wiederum eine Loslösung von der Festschreibung erfolgt. Dieser wichtige Beitrag zur Debatte um eine „weibliche Ästhetik“ deckt den determinierenden Charakter der herkömmlichen Geschlechtszuschreibungen auf und regt an, neue Definitionen zu finden

punctum 9: Monika Laue
WAHRE WEIBESKÜNSTE?

Zur Problematik einer femininen Ästhetik in der zeitgenössischen Kunst: Cindy Sherman, Rosemarie Trockel und Rebecca Horn.
96 S., 14 Abb.
EUR 15,- ISBN 978-3-89235-109-2

p10

Zwischen Parma und Mantua liegt die kleine Stadt Sabbioneta, mit deren kunstvoller Anlage sich der Renaissancefürst Vespasiano Gonzaga zwischen 1554 und 1571 seinen Wunsch nach einer den antiken Vorbildern gleichenden Residenz erfüllte. Die Herrschaft der Gonzaga war eine flüchtige Episode, und seitdem ruht der steingewordene Traum eines Herrschers unberührt in einem Dornröschenschlaf, den keine Wiederbelebung des urbanen Lebens zerstört hat. Nur die Kunstwissenschaft erforscht und würdigt inzwischen dieses konservierte concetto des Cinquecento in all seinen Facetten. Noch heute präsentiert Sabbioneta dem Betrachter den eigentümlichen Eindruck einer Kulisse und läßt ihn fasziniert die einzigartige Ausstrahlung der Bauten, Straßen und Plätze wie einen Theaterraum erleben. Diese unvergeßliche Aura der Stadt wählte sich 1969 der italienische Regisseur Bernardo Bertolucci zum Schauplatz seines Films Strategia del ragno (Strategie der Spinne), der um wahre und imaginierte Bilder der Vergangenheit kreist. Die vorliegende Studie will einen in der Kunstgeschichte bisher noch wenig beschrittenen Weg verfolgen, indem sie die Ikonographie eines Spielfilms als Teil der umfassenden Rezeptionsgeschichte einer Stadt erforscht. Ausgehend von der Frage nach den Vorbildern dieser „Idealstadt“ werden zunächst die mythischen Gründungslegenden Roms und Athens auf Zitate in der Renaissanceanlage befragt, während im zweiten Teil das 400 Jahre später im Film gestaltete Erscheinungsbild der Stadt in die Untersuchung einbezogen wird. Durch die Erweiterung der kunstgeschichtlichen Rezeption um die filmische Dimension kann der wissenschaftliche Diskurs eine Symbiose von Stadthistorie und Filmgeschehen erschließen, in der die Filmbilder als Dokumente einer inszenierten Vergangenheit erscheinen.

punctum 10: Judith Stallmann
SABBIONETA

Die Wiederentdeckung einer inszenierten Stadt
112 S., 61 Abb.
EUR 15,- ISBN 978-3-89235-110-8

p11

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde von vielen europäischen Künstlern und Intellektuellen mit Begeisterung gefeiert. Besonders in Deutschland erhoffte man sich
eine Regeneration von Idealismus, Gemeinschaftsgeist und nationaler Kultur. In ihren Essays über den Krieg und seine ›tiefere‹ Bedeutung sprachen deutsche Künstler, Kunst- und Kulturkritiker den bildenden Künsten einen wichtigen Status zu, da vor allem seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die Kunst als Spiegel der Gesamtkultur galt, in dem man entweder die Züge eines idealisierten Volks- bzw. Zeitgeistes erblicken konnte oder den symptomatischen Ausdruck einer materialistisch degenerierten ›kranken‹ Kultur. Schon vor dem Krieg waren mit verschiedenen Kunstrichtungen auch unterschiedliche Vorstellungen von nationaler Identität einhergegangen. Nun sollte das ›reinigende Gewitter‹ auch in Fragen der Kunst Klarheit schaffen, indem das ›Dekadente, Falsche und Verseuchte‹ vertrieben und das ›Echte und Wertvolle‹ endlich zur Geltung gebracht würde. Doch im Laufe des Krieges wurde immer deutlicher, daß jeder seine eigene, oft sehr exklusive Vorstellung von echter und wertvoller Kunst hegte. Das führte zu einer Zuspitzung des Kunststreits, zumal bald nicht nur die ›geistige Gesundheit‹, sondern die physische Existenz des Volkes auf dem Spiel stand. Die vorliegende Arbeit stellt die öffentlichen Debatten über Kunst, Kultur und Krieg in den Mittelpunkt der Analyse. Eine Anzahl von bekannten und weniger bekannten Kunst- und Rundschauzeitschriften der Jahre 1910-18 liefert das Quellenmaterial zu einer Reihe thematischer Betrachtungen, die sowohl die unterschiedlichen intellektuellen Hintergründe als auch die Zielvorstellungen der damaligen Auseinandersetzungen erhellen.

punctum 11: Joes Segal
KRIEG ALS ERLÖSUNG

Die deutschen Kunstdebatten 1910-1918
184 S., 11 Abb.
EUR 20,- ISBN 978-3-89235-111-5

p12

Über Max Beckmann und seine Kunst sich zu äußern, bedeutet heute landläufig, einen Künstler-Philosophen und sein schwer zugängliches Werk zu beschwören. Jedoch helfen derlei Gemeinplätze weder dem Forscher noch dem ambitionierten Laien angesichts eines Originals. Selbst wenn im Gegenzug das eine oder andere ikonografische Fenster aufgestoßen wird: Es bleibt die einschüchternde Ehrfurcht vor der übermächtigen Größe eines künstlerischen Titanen und der inkommensurablen Qualität seines Werkes. Trotz aller Vorurteile – auch der gut gemeinten positiven – sollten wir uns ermuntert fühlen, uns sehend, einfühlend, fragend und analysierend singulären Werken der bildenden Kunst zu nähern, um uns diese in mehrfachen Annäherungsversuchen ästhetisch und geistig anzueignen. Max Beckmanns Abtransport der Sphinxe (1945) aus der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe gehört zu den bisher unterschätzten Werken, denn die vorliegenden knappen Deutungsansätze unterscheiden sich nur wenig untereinander. Gerade deshalb bietet sich dieses Gemälde für eine exemplarische Untersuchung an. In dem vorliegenden Essay werden zunächst die sichtbaren Bildphänomene mit bloßem Auge beobachtet, sodann unter Streiflicht und des weiteren mit Hilfe der Infrarotreflexografie untersucht. So ergeben sich Hinweise nicht nur auf den Verlauf des Entstehungsprozesses, sondern es eröffnet sich auch ein erster Blick auf eine Art Konzept. Die ikonografische Analyse folgt keinem vorgängigen System, sondern befragt vor allem primäre Quellen nach ihrer Ergiebigkeit. Dies sind vor allem Beckmann Schriften (Tagebücher, Briefe etc.) und sein künstlerisches Werk, wobei sich eine Vielzahl von Parallelen und Rekursen anbietet. Im Verlauf des Diskurses erscheint Beckmanns Sphingenbild innerhalb eines zunehmend sich verdichtenden Beziehungsgeflechts, eingebunden zwischen dem Gesamtwerk und der Denk- und Gefühlswelt des Künstlers. Am exemplarischen Fall eines hochrangigen Werkes erweist es sich, daß dieses zum archimedischen Punkt einer Betrachtung werden kann, um in der Folge repräsentative Teile des Gesamtwerks zu erhellen. Im übrigen ist die historische Dimension der Beckmannschen Ikonografie insofern zu relativieren, als alle ästhetischen und kognitiven Fäden im Künstler konvergieren, so daß dieser sich dem Betrachter als Projektionsfeld für eigenes forschendes Sehen und anschauliches Denken anbietet.

punctum 12: Helmut G. Schütz
SPHINX BECKMANN

Exemplarische Annäherungen an Max Beckmanns Kunst
146 S., 36 Abb.
EUR 15,- ISBN 978-3-89235-112-2

p13

Jahrhundertelang waren die Bauern die armseligsten, geschundenen, verachteten Mitglieder einer Gesellschaft, die allerdings ohne deren harte Arbeit nie hätte existieren können. Kulturell fanden die Bauern, wenn überhaupt, nur Platz als karikierte Objekte der Belustigung. Im 19. Jahrhundert jedoch und zeitgleich mit dem Einsetzen der Industrialisierung kommt es in den internationalen Salons zu einer auffälligen und bis zur Jahrhundertwende anhaltenden Häufung von Bauerndarstellungen, bei denen die schlichte Darstellung der körperlichen Arbeit im Vordergrund steht. Monumental und in ihrem ernsten Ausdruck unterstützt durch eine ungeglättete, rauhe Malweise erheben sich die Bauern plötzlich vor der erschrockenen Öffentlichkeit und werden zu Vorbildern einer Generation junger, aufbruchsbereiter Künstler, die sich die Suche nach einer Kunst für den Menschen zum Ziel gesetzt hat. Dabei handelt es sich nicht um eine singuläre Erscheinung, sondern um ein von Frankreich über ganz Europa sich ausbreitendes Phänomen, das der Malerei wesentliche neue Impulse geben konnte. Grundlage der vorliegenden Studie ist zunächst eine umfassende Analyse der psychosozialen, sozialpolitischen und ideengeschichtlichen Situation Frankreichs in den Jahren vor und nach 1848, aus der heraus zunächst in der Philosophie und Literatur die Natur als Heilmittel einer angekränkelten, überlebten Zivilisation und in der Folge der durch seine Arbeit mit der Natur verbundene Bauer als Leitstern der modernen zukünftigen Zivilisation entdeckt werden sollte. Anhand der Beschreibung und Interpretation zehn ausgesuchter und in ihrer Zeit aufsehenerregender Werke wird die Umsetzung der theoretisch-literarischen Grundlagen, die Entwicklung des Bauernbildes, die Wirkungsgeschichte, die Problematik der Modernität und die dem Thema innewohnende spannungsreiche Ambivalenz zwischen Realismus und Idealismus herausgearbeitet. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen die Maler Jean-François Millet und Gustave Courbet, die als erste durch das Vorbild des Bauern ein neues Menschenbild in der Kunst entwarfen und immer wieder neu interpretierte Schlüsselbilder für das 19. Jahrhundert schufen.

punctum 13: Rebekka Fehl
DER BAUER UND DIE AVANTGARDE

Die Darstellung des Landmannes in der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts
128 S., 16 Abb.
EUR 15,- ISBN 978-3-89235-113-9

p14

Mädi, Marta, Offi, Jeanette, Lissy, Luise, Marianne oder Sascha sind nur einige der Modelle Hubbuchs, die uns immer wieder auf seinen Gemälden, Zeichnungen und Druckgraphiken begegnen. Heute kennen wir oft nur die Vornamen dieser Mädchen, die zumeist Modelle an der Karlsruher Akademie waren, aber auch zu den privaten Bekanntschaften des Künstlers gehörten. Anhand vieler unveröffentlichter Arbeiten soll dieses bisweilen ganz in den Vordergrund seines Schaffens tretende Thema eingehender untersucht werden.
Karl Hubbuch (1891-1979) ist in erster Linie als einer der bedeutendsten Vertreter der Neuen Sachlichkeit in Deutschland bekannt. Charakteristisch für diese Stilrichtung der zwanziger Jahre ist, daß im Gegensatz zum Expressionismus alle Bildgegenstände nüchtern und mit gleichbleibender Schärfe beobachtet sind, die Farben der Formbeschreibung untergeordnet werden und atmosphärische Werte ganz in den Hintergrund treten. Hubbuch fällt dabei durch seine höchst individuellen Bildideen und seine erzählerische Vielfalt ins Auge, wobei die Objekte aus der Unmittelbarkeit der Beobachtung heraus ein starkes Eigenleben entfalten und im kompositionellen Aufbau immer in ein spannungsreiches Beziehungssystem zueinander treten. Wie George Grosz, Otto Dix, Georg Scholz, Rudolf Schlichter u.a. zählt man ihn zu der Gruppe der deutschen Veristen, die soziale Mißstände der Gesellschaft, die krassen Unterschiede zwischen den Besitzenden, den Herrschsüchtigen und den Arbeitenden, den Verarmten und den Randgruppen angeprangert hat.
Schon zu Lebzeiten war der Künstler in zahllosen Einzel- und Gruppenausstellungen vertreten. Eine eingehende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Gesamtwerk begann aber erst nach dem Tode Hubbuchs mit der großen Ausstellung im Karlsruher Kunstverein 1981, der 1991 in Hannover, Saarbrücken und Kiel durchgeführten Schau und der großen Retrospektive 1993/4 in der Städtischen Galerie Karlsruhe.

punctum 14: Achim Gnann
KARL HUBBUCH UND SEINE MODELLE

120 S., 71 s/w, 8 Farb-Abb.
EUR 15,- ISBN 978-3-89235-114-6

p15

Margaret Cavendish, Herzogin von Newcastle, gehört zu den außergewöhnlichsten Autorinnen der an Exzentrikern nicht eben armen englischen Literatur. Ihr Leben von 1623 bis 1674 ist ganz vom englischen Bürgerkrieg bestimmt. Mit der Familie des Stuart-Königs Charles I geht die junge Hofdame Margaret Lucas zur Cromwell-Zeit ins Exil nach Frankreich, wo sie auf William Cavendish trifft, Oberbefehlshaber der königlichen Armee im Norden, Erzieher des Kronprinzen und bedeutender Mäzen. Sie heiratet den 30 Jahre älteren Witwer und begegnet in seinem Haus Gelehrten wie Descartes und Hobbes. Im Exil und nach der Rückkehr nach England beginnt sie, die nur eine sehr oberflächliche Bildung genossen hatte, naturwissenschaftliche Abhandlungen und literarische Werke zu schreiben. Da sie gegen alle Konvention die Bücher unter ihrem Namen veröffentlicht, gerät sie in den Ruf der „verrückten Herzogin“, den sie durch Auftritte in ausgefallener Kleidung noch verstärkt. Im Jahre 1666 läßt sie ihrer Abhandlung „Observations upon Experimental Philosophy“ im Anhang die Phantasieerzählung „The Description of a New World Called the Blazing World“ folgen. Mehr als alle Traktate und Dramen hat diese literarische Verbindung von Utopie und voyage imaginaire den Namen der Autorin für heutige Leser bewahrt. Die seit antiken Mustern bekannte Gestalt des Reisenden in imaginäre Welten ist hier eine Frau, die nicht nur zur Kaiserin eines Staates aufsteigt, sondern auch die naturwissenschaftliche Forschung beherrscht. Nimmt man letzteres als einen Akt der poetischen Gerechtigkeit, der die wirkliche Mißachtung der Autorin durch die männlichen Forscher der Royal Society zu machtvollem Triumph verwandelt, so liegt das Bemerkenswerteste an der Erfindung der Gleißenden Welt jedoch an ihren Bewohnern: Bären-Menschen sind dort Experimental-Philosophen, Fuchs-Menschen Politiker, Papageien-Menschen Redner, während sich die „gewöhnlichen“ Menschen dadurch auszeichnen, daß einige himmelblau, einige tiefpurpurn und andere wiederum grasgrün sind. Die kundigen Vogel-, Fisch-, Affen- und Wurmmänner erklären der neuen Kaiserin die Geheimnisse der Naturerscheinungen von Luft und Feuer, Sonne und Mond bis zum Stein der Weisen. Bei Bedarf lassen sich für schwierige Fragen auch stofflose Geister aus der Luft zum Rapport anfordern. Diese vermitteln der rastlos tätigen Kaiserin als Schreiberin für all ihre Erkenntnisse die Seele der Herzogin von Newcastle, so daß sich die Autorin selbst auf diesem Wege in ihre eigene Geschichte mischen kann, wo sie zur liebsten Freundin ihrer erfundenen Heldin wird und diese zu einem Ausflug in ihre angestammte Welt einlädt. Im zweiten Teil zeigt sich, daß der Blick der Herzogin aus den Bürgerkriegswirren auf die politische Ordnung ihrer Phantasiewelt ganz vom Ideal absoluter Herrschergewalt bestimmt ist. Ihre Armee, versehen mit der raffiniertesten Unterwasser-Flotte, schreckt auch vor einem brutalen Unterwerfungskrieg nicht zurück, um die Eintracht im Staat zu sichern. Doch das kriegerische Unternehmen endet siegreich und erlaubt einen versöhnlichen Abschiedsblick auf die Lustbarkeiten der Gleißenden Welt.

punctum 15: Margaret Cavendish
DIE GLEISSENDE WELT

aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Virginia Richter
136 Seiten, 3 Abb.
EUR 15,- ISBN 978-3-89235-115-3

p16

Ist es möglich, die Kunst mit klaren Begriffen zu deuten, ohne sie zu vergewaltigen? Diese Frage begleitet das vorliegende Buch und fließt in die Methodik der Betrachtung ein. Sie führt konsequenterweise zu einem alle partiellen ästhetischen Gesichtspunkte transzendierenden anthropologischen Ansatz, bei dem es darum geht, die menschlichen, künstlerischen und sozialen Grundprozesse, die unserem Gestalten zugrundeliegen, zu beschreiben. Ein anthropologischer Ansatz ist allerdings nichts Neutrales, sondern seinerseits schon eine Selbstdeutung des Menschen. Im Bemühen, den Menschen möglichst umfassend ins Spiel zu bringen, werden die genannten Prozesse aus der trichotomischen Struktur von Leib, Seele und geistigem Wesen entwickelt. Dabei erläutern Mensch und Kunst einander wechselseitig, weil das menschliche Gestalten sich in der Kunst besonders sprechend offenbart.
Es gibt historische Bezüge wie zum Beispiel die Hegelsche Ästhetik, doch wird diese nicht referiert, um sie zu übernehmen, sondern um im Bewußtmachen ihrer Grenzen zu zeigen, daß statische Einteilungen wie etwa das System der Künste nach Hegel dem zu erforschenden Bereich lediglich teilweise gerecht werden können. Denn nur ein funktionales Denken vermag das komplexe Wesen der Kunst den Gestaltungsprozessen entlang zu erschließen. Die gefundene menschliche Struktur erweist sich dabei als universal anwendbar, weil sie nicht eingrenzt, sondern lediglich wahrnehmbare Vorgänge in geordneter Form beschreibbar macht. Die anthropologische Betrachtungsart eröffnet die Möglichkeit, das individuelle künstlerische Gestalten und die sogenannte Soziale Kunst aus demselben Ansatz zu begreifen und hebt damit deren viel diskutierte Differenz auf, ohne die Unterschiede beider Bereiche zu verwischen. Auf diese Weise leistet sie einen klärenden Beitrag zu einem Diskurs, der nicht erst seit Beuys virulent geworden ist.

punctum 16: Hubert M. Spoerri
MENSCH UND KUNST

Kunstphilosophische Anthropologie
504 S.
EUR 25,- ISBN 978-3-89235-116-0

p17

Pontius Pilatus, in den Jahren 26 bis 36 römischer Statthalter in Judäa, wäre kaum ins Rampenlicht der Geschichte geraten, wenn ihm nicht die neutestamentlichen Evangelien ein unvergängliches Denkmal gesetzt hätten, indem sie ihn als einen an der Passion Jesu wesentlich Beteiligten schildern – bemerkenswerterweise ohne eine Wertung seiner Persönlichkeit abzugeben. Seine Frage: „Was ist Wahrheit?“, sein Ausruf „Ecce homo!“, seine zur Unschuldsbeteuerung vorgenommene Handwaschung und schließlich sein apodiktisches Beharren auf der Kreuzesinschrift „was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben“ sind bis auf den heutigen Tag sprichwörtlich geblieben und den meisten Menschen im christlich-abendländischen Kulturkreis bekannt und vertraut.
Die Berichte der Evangelisten über den römischen Präfekten finden durch die antiken Historiker nur wenig direkte Bestätigung. Beim römischen Geschichtsschreiber Cornelius Tacitus (gest. um 120) steht bloß die dürre Mitteilung, Christus sei von Pilatus zur Hinrichtung verurteilt worden. Der jüdische Historiker Flavius Josephus (gest. um 100) sieht in ihm hauptsächlich den Unterdrücker, der keinerlei Verständnis für die Juden und deren besondere Lebens- und Denkweise aufbrachte, der Prozeß Jesu kommt bei ihm überhaupt nicht zur Sprache. Eine unmittelbare und zwar vernichtende Charakteristik des Pilatus verdanken wir dem jüdisch-hellenistischen Philosophen Philon von Alexandria (gest. um 50). Dieser hält in seinem Bericht an den Kaiser Caligula viel Arges fest, nämlich Räubereien, Mißhandlungen, Beleidigungen, Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren. In der Folge wird Pilatus denn auch nach Rom zurück zitiert. Sein weiteres Schicksal bleibt im Dunkeln; er dürfte um das Jahr 39 gestorben sein – wie, wissen wir nicht.
Je weniger gesichertes Wissen über Pilatus existierte, desto mehr bemächtigten sich seiner die Theologie und die Legendenbildung, und zwar von der Antike an bis in die Neuzeit hinein. In bestimmten frühchristlichen Denominationen genießt er den Status eines verkappten Christen, wenn nicht gar eines Heiligen. In der schweizerischen Sagenwelt treibt er sein Unwesen auf dem nach ihm benannten Luzerner Hausberg – eben dem Pilatus. Nach wieder einer anderen Version ist er dem Ewigen Juden beigesellt.
Der Autor entwirrt als Symbol- und Mythenforscher die verschiedenen Überlieferungsstränge und verfolgt die Wege sowohl des historischen als auch des legendären Statthalters.

punctum 17: Philipp Wolff-Windegg
GÄNGE MIT PILATUS

Essay
88 S.
EUR 10,- ISBN 978-3-89235-117-7

p18

In der Aktionskunst der 50er und 60er
Jahre des 20. Jahrhunderts ist für keinen
Betrachter zu übersehen, dass Zeitlich-Sich- Ereignendes zum Schwerpunkt der bildenden Kunst geworden ist. Die hier kulminierende Tendenz zur Verzeitlichung hat jedoch einen längeren Entwicklungsgang durchlaufen. Der Dichter Lessing hatte 1766 in seinem Aufsatz Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie eine strenge Trennung von Zeit- und Raumkünsten als dauerhaftes Gesetz definiert. Dabei waren der bildenden Kunst simultan nebeneinander präsente Zeichen im Raum zugeordnet, der Musik hingegen das Nacheinander in der Zeit. Doch nicht erst in den Serien Monets oder gar im Action Painting bei Jackson Pollock beginnt sich diese Grenze aufzulösen, sondern bereits in der Landschaftsmalerei des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Die Beschäftigung mit den Auswirkungen der Zeit erweist sich als ein übergreifendes, allgemeines Prinzip, das Wissenschaften und Philosophie der Neuzeit immer stärker prägt. Der Paradigmenwechsel vom Räumlichen und Zeitlosen zum Zeitlichen, der sich zwischen 1780 und 1860 in der Wolken-, Himmel- und atmosphärischen Landschaftsmalerei manifestiert, läßt sich daher als ein paralleles Geschehen im Vorgang der Verzeitlichung erkennen. Dabei wird einerseits auf der motivischen Ebene die Zeit über das bewegte Phänomen zum Darstellungsgegenstand, andererseits werden auf der Ebene der Komposition und des Mediums bildnerische Mittel und Verfahren verzeitlicht. In der pluralen Skizzenpraxis wird das Nacheinander in der Zeit zum Wesens- und Strukturkriterium der Malerei.
Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die systematische Analyse der Verzeitlichungstendenzen in der europäischen Landschaftsmalerei zwischen 1780 und 1860. Die Veränderungen auf der motivischen, kompositorischen und medialen Ebene, die sich nacheinander vollziehen, werden an den für das jeweilige Stadium repräsentativen Künstlern untersucht. Für Valenciennes, Constable, Dahl, Blechen und Turner werden die für sie individuell verbindlichen kunsttheoretischen Implikationen berücksichtigt sowie auch die den gesamten Zeitraum überspannende Modernisierungsbewegung allgemein.

punctum 18: Sylwia M. Chomentowska
VOM BEWEGTEN MOTIV ZUM VERZEITLICHTEN MEDIUM

Zur europäischen Landschaftsmalerei zwischen 1780 und 1860
120 S., 56 Abb.
EUR 15,- ISBN 978-3-89235-118-4

p19

Andrea Pozzo (1642–1709), Jesuitenfrater und vielseitiger Künstler, schuf für die beiden römischen Kirchen seines Ordens das Deckenfresko in S. Ignazio und den Ignatius-Altar in Il Gesù. Als Verfasser des zweibändigen Lehrbuches für Architekturmalerei ›Perspectivae pictorum atque architectorum‹ wurde er so berühmt, daß Kaiser Leopold ihn 1702 nach Wien berief. Pozzos Traktat mit seiner Perspektivtheorie erlangte große Verbreitung, wurde schon bald in viele Sprachen übersetzt und bis ins späte 18. Jahrhundert von Malern und Architekten ebenso benutzt wie im Lehrbetrieb der Akademien verwendet.
Das vorliegende Buch erläutert zunächst das grundlegende Werk Pozzos nach der zweisprachigen Augsburger Fassung von 1708/09, in der die deutsche Version den Titel ›Der Mahler und Baumeister Perspectiv‹ trägt. Nach zwei spezifischen Beiträgen Pozzos zur Illusionsmalerei – die ›Macchinae‹ und ›Theatra sacra‹ – konzentriert sich die Betrachtung auf eine Erfindung Pozzos für S. Ignazio, die später in vielen Kirchen Süddeutschlands, Böhmens, Österreichs und Polens Verbreitung fand: die Scheinkuppel. Die abschließenden Kapitel kontrastieren die Deckenfresken der beiden Kirchen Il Gesù (ausführender Künstler: Giovanni Battista Gaulli) und S. Ignazio als gegensätzliche Programme jesuitischer Ikonographie, deren Beispiele für lange Zeit Vorbild für süddeutsche und österreichische Barockkirchen werden sollten. Ein ausführlicher Abbildungsteil schließt das Buch ab.

punctum 19: Peter Vignau-Wilberg
PERSPEKTIVE UND PROJEKTION

Andrea Pozzos Architekturtheorie und ihre Praxis
120 S., 61 Abb.
EUR 20,- ISBN 978-3-89235-119-1

p20

James Matthew Barrie wurde am 9. Mai 1860 in Kirriemuir in der Grafschaft Angus in Schottland als neuntes Kind eines Handwebers geboren. Seine Kindheit war vom Tod eines älteren Bruders überschattet, der beim Eislaufen ertrank. Der sechsjährige James versuchte seitdem, dem Bruder, der nie erwachsen wurde, ähnlich zu werden, um seine Mutter zu trösten. Er besuchte die Schule in Dumfries und begann nach dem Abschluß an der Universität Edinburgh 1882 zuerst als Journalist zu arbeiten. Seine literarischen Anfänge gehören in den Rahmen der „Kailyard School“, einer Autorengruppe, deren Name den Kohlkopf der Armen als Kennzeichnung ihrer meist rührseligen Dorfgeschichten über die Bräuche der ländlichen Heimat trägt. Barrie hatte mit Erzählungen wie „A Window in Thrums“ bald so großen Erfolg, daß er von Schottland ins Zentrum des literarischen Lebens nach London zog und dort 1894 die Schauspielerin Mary Ansell heiratete. In Kensington Gardens begegnete der von Kindern begeisterte Barrie 1897 zwei kleinen Brüdern, denen er Geschichten erzählte. Als er bald darauf auch deren Eltern kennenlernte, wurde er zum Hausfreund der Familie. Die bevorstehende Geburt eines dritten Kindes ließ Barrie für die Brüder die Geschichte von einem Baby erfinden, das nicht weiß, ob es ein Vogel oder ein Kind ist. Die englische Version vom „Klapperstorch“ läßt die kleinen Kinder als Vögel zur Welt kommen, die den Eltern ins Haus gebracht werden. Mit Peter Pan, der aus dem Haus seiner Mutter im Nachthemd zurück zur Vogelinsel fliegt, war 1902 der Umriß einer Figur entstanden, die zu literarischem Weltruhm gelangen sollte. Der Ur-Peter-Pan lebt als poetisches „Zwischendrinding“ mit seiner Flöte in der phantastischen Welt der Elfen, in der es keine Zeit gibt und Peters Musik die Natur verzaubert. Für die heranwachsenden Jungen entwickelte Barrie den Stoff weiter und führt seinen robuster gewordenen Helden zu den Abenteuern von drei Kindern mit Captain Hook und der Elfe Tinkerbell im Neverland. Die dramatisierte Version von 1904 wurde als „Peter Pan or The Boy Who Wouldn’t Grow Up“ ein Kassenerfolg zu Weihnachten im Theater, 1906 und 1911 folgten weitere Versionen als Erzählung.
Zwar war Barrie am Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem als Autor von mehr als dreißig gefühlvollen Komödien wie „What Every Woman Knows“ (1908) oder „The Twelve-Pound Look“ (1910) bekannt und berühmt, doch heute sind diese Stücke mit ihren Figuren der damaligen Gesellschaft weitgehend vergessen. Peter Pan dagegen eroberte sich nach langen Jahren ungebrochenen Erfolgs auf der Londoner Bühne schließlich mit Walt Disney den Film und auf diesem Wege die Herzen der Kinder in aller Welt.

punctum 20: James Matthew Barrie
PETER PAN IN KENSINGTON GARDENS

aus dem Roman THE LITTLE WHITE BIRD (1902)
aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Selma Urfer
112 S., 1 Abb.
EUR 12,- ISBN 978-3-89235-120-7

p21

Thomas Theodor Heine (1867–1948), der zu seiner Zeit zugleich bewunderte und gefürchtete Simplicissimus-Karikaturist, und Alfred Kubin (1877–1959), der bekannte Zeichner des Unheimlichen und Abgründigen, standen von 1912 bis 1947 in Briefkontakt. Leider sind – bis auf drei Ausnahmen – nur die Briefe Heines erhalten, sie liegen im Kubin-Archiv der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München. Dagegen gingen Kubins Briefe durch Heines Exil und die schwierige Situation seiner Familie im “Dritten Reich” weitgehend verloren.
Anfangs kreisen die Briefe um die Arbeit am Simplicissimus, später um die Freuden und Probleme des Landlebens, das beide Briefpartner führten. Seit 1933 war Heine – wegen seiner jüdischen Abstammung und seiner offen antifaschistischen Einstellung – auf der Flucht vor den deutschen Häschern, bis 1938 in der Tschechoslowakei (Prag, Brünn), dann in Norwegen (Oslo) und seit 1942 in Schweden (Stockholm). In den Briefen aus dem Exil ging es um die politischen Verhältnisse in Deutschland, um den “Anschluss” Österreichs, um “entartete Kunst” und um das Überleben in den diversen Exil-Ländern. Durch Karikaturen für Zeitungen, Porträts und sonstige Gemälde und durch literarische Veröffentlichungen konnte sich Heine immer nur knapp über Wasser halten. Dabei bewahrte er eine erstaunlich stoisch-gelassene Haltung, während sich durch Kubins Briefe (wie man aus Heines Antworten erschließen kann) viele Klagen über Depressionen, Krankheiten und Entbehrungen ziehen. Heines Briefstil ist flüssig, humorvoll, oftmals ironisch scherzhaft. Immer wieder versuchte er, dem pessimistischen, mit seiner Frau zurückgezogen in Zwickledt/Oberösterreich lebenden Freund Trost und Aufmunterung zu spenden.
Ein Kommentar erläutert alle erwähnten Personen, weniger bekannte Örtlichkeiten und Institutionen, sowie nicht ganz leicht verständliche Anspielungen. Ein Personenregister erleichtert die Benutzung der Brief-Edition.

punctum 21: Thomas Raff (Hrsg.)
»DU NIMMST DAS ALLES VIEL ZU TRAGISCH«

Briefe von Th. Th. Heine an Alfred Kubin, 1912–1947
136 S., pb, 14,8 x 20,5 cm
EUR 15,- ISBN 978-3-89235-121-4

p22

Das Letzte Abendmahl von Leonardo da Vinci gehört zu den berühmtesten Kunstwerken der Welt. Philosophen, Dichter und Theologen, Kunstexperten und -liebhaber, Künstler und Kunsthistoriker, Werbedesigner und Karikaturisten sind bis zum heutigen Tag nicht müde geworden, sich mit ihm zu beschäftigen. Tausende Kunstinteressierte aus aller Welt pilgern Jahr für Jahr nach Mailand, um das Gemälde im ehemaligen Refektorium des Klosters Santa Maria delle Grazie zu betrachten. Ein Bild – über 500 Jahre alt. Inbegriff christlicher Kunst, Ikone gar christlichen Glaubens?
“Wie nur wenige Bilder der abendländischen Kunst drückt das Mailänder Abendmahl etwas vom innersten Kern der christlichen Botschaft aus”, so der Theologe Georg Eichholz, der darüber bereits 1998 ein Standardwerk veröffentlicht hat. Aber was ist dieser innerste Kern, das Thema, das so viele Menschen bewegt und fasziniert? Und was genau wird dargestellt? Ist es der Verrat, den Jesus gerade ankündigt? Ist es die Einsetzung der Eucharistie? Was bedeutet diese Aufregung unter den Jüngern? Die hier vorgelegten Briefe kreisen um diese spannenden Fragen.
Als Initiator dieser bemerkenswerten Korrespondenz hat Georg Eichholz sie gesammelt und bis wenige Wochen vor seinem Tod im August 2008 für die Veröffentlichung vorbereitet. Seine Briefpartner sind der amerikanische Kunstwissenschaftler Leo Steinberg, der evangelische Theologe Martin Bregenzer, sodann der Kunst- und Philosophiefreund Leonhard Salleck, der deutsche Professor für Kunstgeschichte Frank Zöllner und der Kunstwissenschaftler Michael Ladwein. Sie alle schreiben, um ihre Gedanken auszutauschen, ihre eigenen Beobachtungen und Entdeckungen mitzuteilen und letztlich, jeder aus seinem Blickwinkel, um die Wahrheit des Bildes, seine Botschaft, zu reflektieren. Und sie wagen damit einen offenen Dialog – eine Einladung an den Leser zum Nach- und Mitdenken und eine Chance, dem Geheimnis dieses bedeutenden Kunstwerks auf die Spur zu kommen.

punctum 22: Georg Eichholz (Hrsg.)
TEMA CON VARIAZIONI

Briefe rund um Leonardos Mailänder Abendmahl
218 S., 8 s/w Abb.
EUR 17,- ISBN 978-3-89235-122-1

p23

Der 1897 in Dießen am Ammersee geborene Franz Wagner beginnt nach dem Ersten Weltkrieg als Autodidakt zu zeichnen. Erst in den späten 1920er Jahren schließt er dann seine Ausbildung an der Münchner Akademie ab. Das Werk des jungen Malers fällt also in die 1930er Jahre und spiegelt in Themen und Stil die sich wandelnde, immer enger werdende persönliche und gestalterische Freiheit. Das malerische Werk dieser Jahre ist – bis auf wenige Ausnahmen – 1945 verbrannt. Zeichnungen und Radierungen haben jedoch im Kohlenkeller den Bombenhagel überlebt.
Nach seinem Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt in den unheilvollen Jahren zwischen 1939 und 1946 steht der nun 50-jährige Maler nach dem Zweiten Weltkrieg vor einem gänzlichen Neuanfang. Auch diese zweite Schaffensperiode beginnt zuerst mit Zeichnungen, bei denen Portrait-Skizzen, Akte, Pferde und Straßenszenen vorherrschen.
Ab 1947/48 gibt es dann wieder Arbeiten in Öl, deren Stil jedoch gewandelt erscheint Nun ist für den Maler die Natur der ruhende Pol als Inbegriff von Leben, Frieden, Freiheit. In der natürlichen Ordnung von Wachsen, Werden und Vergehen gelingt es auch ihm, wieder inneren Frieden zu finden.
Erst als zu Beginn der 1960er Jahre die Wirren der Vor- und Nachkriegszeit ferner rücken, beginnt für Wagner die Zeit der Aufarbeitung seiner verstörenden Erlebnisse: Der Apfel dient in zwei Serien von Still-Leben als Symbol, und die Abstraktion wird Gestaltungsmittel für das Ungeheuerliche, eigentlich nicht Darstellbare des Erlebten. Sowohl haptisch als auch in ihrer symbolischen Bedeutung nutzt er die Farbe zur Darstellung von Leben, Tod, Bedrohung. 1968 setzt der plötzliche Tod den Schlusspunkt im Werk des nun 70-jährigen Malers.

punctum 23: Erna-Maria Wagner
FRANZ WAGNER (1897–1968)

Das malerische Werk
240 S., 10 s/w, 102 Farb-Abb.
EUR 25,- ISBN 978-3-89235-123-8

p24

In den Kunstwissenschaften haben in etwa den letzten zehn Jahren massiv
digital basierte Präsentations- und Unterrichtsformen Einzug gehalten.
Die technische Entwicklung ist dafür eine Ursache, eine weitere die
massive Förderung durch Politik und Geldgeber, eine dritte jedoch eine
weithin völlig blindwütige Modernisierungseuphorie der
Kunstwissenschaftler selbst, sekundiert von einer ebenso oft das
Irrationale erreichenden Befürchtung, ‚den Anschluß zu verpassen‘ falls
man nicht mitmache. Gleichzeitig ist allerdings bei diesen Anwendern
weithin eine erschreckende Unkenntnis oder Unreflektiertheit der naturwissenschaftlich-technischen Grundlagen und prinzipiellen
Grenzen dieser digitalen Mittel zu beobachten, aber ebenso ein Übersehen oder sogar Ausblenden der Konsequenzen für die wissenschaftliche Sache selbst, die aus der nur scheinbar neutralen Verwendung dieser digitalen Mittel notwendig resultieren.
Dem möchte die vorliegende Abhandlung entschieden kritisch
entgegenwirken. Sie bezieht sich dabei auf die Bereiche der digitalen
Projektion und Simulation, des für Kunstwissenschaften aufbereiteten
’semantic web‘, des ‚e-learning‘ und der online-‚Studienberatung‘.

1. Teil: Die Doppelprojektion – von der Sichtbarmachung einer Kunstauffassung bis zum Untergang vor dem beamer
2. Teil: Grundsätzliche Grenzen komplexerer digitaler Darstellungstechniken im Bereich der Kunstwissenschaft

punctum 24: Pascal Weitmann
WIDER DEN DIGITALEN GÖTZENDIENST

Kritische Anmerkungen zum modischen Verhältnis von Kunstwissenschaft und ’neuen Medien‘
64 S., 2 s/w Abb.
EUR 10,- ISBN 978-3-89235-124-5

p25a

Heute gehört die Parkanlage Wilhelma zum viel besuchten Zoologisch-Botanischen Garten von Stuttgart-Bad Cannstatt, aber der Garten und die kunstvollen Gebäude blicken auf eine lange und bewegte Vergangenheit zurück.
Nachdem in seinem Schlosspark Mineralquellen entdeckt wurden, wünschte sich König Wilhelm I. von Württemberg (1781–1864) dort einen privaten Rückzugsort zu schaffen, zu dem ein Badehaus, eine Orangerie und ein Gewächshaus gehören sollten. Auch die Namensgebung mit der weiblichen Form seines Namens Wilhelma geht auf eine Anweisung des Gründers zurück. Nach längeren Vorüberlegungen gab der König 1837 dem Architekten Karl Ludwig Zanth (1796–1857) den Auftrag zur Planung, 1842 wurde mit dem Bau begonnen, 1853 war der Kernbereich fertig gestellt, aber erst im Todesjahr des Königs wurden 1864 die letzten Gebäude nach dem Plan des 1857 verstorbenen Architekten vollendet. In den fürstlichen Häusern Europas war im 19. Jahrhundert ein Interesse an orientalischen Bauformen in Mode gekommen, die man als den „maurischen“ Stil bezeichnete. In der Wilhelma präsentiert sich eine beispiellose Vielfalt unterschiedlicher moderner Tendenzen zeitgenössischer Architektur, Technik, Materialien, Ornamentik sowie Gartenkunst.
Der Schwerpunkt dieses Buches liegt auf der Erarbeitung der genauen Zusammenhänge der Entstehungsgeschichte der Wilhelma. Die ideengeschichtlichen Quellen von Ursprung und Herkunft dieses einzigartigen Ensembles aus Gebäuden und einem Garten werden gründlich untersucht und in den historischen Kontext gestellt. Erstaunlich viele Entdeckungen mit reichhaltigem Belegmaterial in farbigen Abbildungen lassen den versteckten Zauber der verlorenen und der bestehenden Anlagen der Wilhelma in einem neuen Licht erscheinen.

punctum 25: Maximilian Friedrich Grimm
Die historische Wilhelma

Faszination Orient im 19. Jahrhundert
128 S., 60 Abb., davon 25 in Farbe
EUR 20,- ISBN 978-3-89235-125-2